die Frage: Herr Enslin, was fehlt im Design der Welt von morgen?

28.09.2020
Bild: Matheus Fernandes

Herr Enslin, was fehlt im Design der Welt von morgen? 

„Wir Menschen sind von der Evolution nicht gut für die Komplexität des heutigen Lebens vorbereitet worden. Die technische Evolution läuft deutlich schneller als die menschliche. Das moderne „Ich-Jetzt-Alles-Sofort-Leben“ mit all seinen technischen und gesellschaftlichen Möglichkeiten überfordert uns regelmäßig.

Im Zusammenspiel zwischen der komplexen Technik und dem Menschen hat das Design die Funktion eines Brückenbauers – und hat diese Funktion in den letzten Jahren in die Welt der Apps und Systemen sehr stark eingebracht. Kaum ein erfolgreiches Startup, das ohne kompetente Designer ausgekommen wäre. Denn de Beschleunigung kannte nur eine Richtung: immer mehr Komplexität, mehr Ressourcen, mehr Ungleichheit. Und sie hat viele wichtige Fragen – wie die nach dem Warum und Wozu – längst hinter sich gelassen.

Corona hat dieser Welt gerade den Stecker gezogen – von einem Moment auf den anderen stand sie still.

Dies gibt uns Zeit genug, darüber nachzudenken was wir als Gesellschaft, als Menschen vertragen, was wir dürfen und was uns wirklich wichtig ist. Designer sind die Sensoren der Gesellschaft, sie spüren Trends sehr früh. Es ist interessant zu sehen, wie gerade Unternehmen reagieren, wenn das lange erwartete Ende der „Schneller-Weiter-Mehr-und-Billiger“- Wirtschaft nun plötzlich eintritt. Trotz vieler Szenarien und Studien, die davor warnten – niemand scheint wirklich auf das Scheitern des quantitativen Wachstums vorbereitet zu sein.

Luxus ist, jetzt einen Garten sein Eigen zu nennen, Freunde und Familie wiederzusehen. Statussymbole? Fahrrad statt Flugzeug. Nähe statt Ferne. Die neuen globalen Währungen? Es sind Zeit, Ruhe, Raum, die Natur und Aufmerksamkeit. Übrigens Werte, die Hans-Magnus Enzensberger in seinem Artikel „Luxus- woher und wohin damit?“ schon 1999 als den Luxus der Zukunft benannt hatte. Dazu kommt 2020 – wen wundert`s – die Gesundheit.

Wie werden die Wirtschaft und das Design reagieren?

Ich glaube, wir werden in zwei bis drei Jahren eine deutliche Innovations-Lücke sehen. Das Geld für Innovationen wird in vielen Firmen gerade gestrichen. Es wird, so glauben Manager oft, dringender an anderer Stelle gebraucht. Innovation wird auf später vertagt. Für den überfälligen Richtungswechsel in Richtung Qualität fehlt jetzt den meisten der Mut und der Weitblick. Das fortzuschreiben, was schon bisher nicht funktioniert hat – das brauchen wir aber gerade nicht.

Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Unsere Welt muss menschlicher werden. Endlich weg von den Dingen, die keinen Sinn stiften. Hin zum Menschen und zum Miteinander. Hin zum Schutz von Umwelt und Natur. Warum soll es denn keinen Spaß machen, weniger CO² zu verursachen? Wir brauchen Lösungen, die Lust auf Nachhaltigkeit und weniger Konsum machen.  

Wir brauchen gerade jetzt so viel neues Design wie möglich. Große Konzepte und Entscheidungen, die anderen Mut machen.  Und Menschen, die es in der Zukunft besser machen wollen. Die gerade jetzt das Neue wagen.

Die Zukunft unserer Gesellschaft ist auch die des Designs.“

Andreas Enslin ist Miele-Designer und 

Vizepräsident des Verbands Deutscher Industrie Designer VDID

erschienen in: „in medias res“ im Oktober 2020, Thema: Design. Ganze Ausgabe zum Nachlesen: hier

DER REGIONAUT IST NOCH IN DER LERNPHASE