die Frage: wie gestalten wir die Arbeitswelten der Zukunft?

08.06.2021
Foto: Bernd Kammerer für blocher partners

Wir stellen jeden Monat einer Persönlichkeit der Kreativwirtschaft eine Frage zu aktuellen Entwicklungen in ihrer Branche.

Jürgen Gaiser, wie gestalten wir die Arbeitswelten der Zukunft?

„Die Grenzen öffentlicher und privater Räume verschwimmen, ursprüngliche Nutzungsbestimmungen überholen sich. Wo früher Einzelhandel betrieben wurde, tut sich häufig Leerstand auf. Wo früher gearbeitet wurde, soll heute auch gelebt werden. Der gesellschaftliche Wandel verlangt maximale Flexibilität und Gestaltungsfreiraum. Es gilt eine Strategie der Vielschichtigkeit in den Gebäuden zu implementieren, die Leben und Arbeiten verbindet. Zukünftige Arbeitswelten müssen zu Orten avancieren, die in jeder Hinsicht auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter einzahlen.

Das Büro wird in Zukunft nicht mehr der Ort sein, an dem der Output eines Unternehmens entsteht. Es wird zum Melting Pot der Mitarbeiter, ihrer Diversität und Kreativität. Es wird als Herzstück des Unternehmens fungieren, weil es der Unternehmensgeist ist, der hier gelebt und weiterentwickelt wird. Gleich eines modernen Lagerfeuers werden sich die Mitarbeiter dort versammeln, sich austauschen, gemeinsam Ideen entwickeln. Das Büro wird zum hybriden Meeting Space, der durch permanenten Wissenstransfer die Weiterentwicklung der Mitarbeiter und die des Unternehmens fördert.

Am Anfang eines Designs steht deshalb nicht nur die Frage nach der Ästhetik, sondern die nach dem Nutzen und den Bedürfnissen. Um herauszufinden, welche das sind, beziehen wir den Nutzer über unsere Design Strategy, einer Art Problemstellungsanalyse, so früh wie möglich in den Prozess ein. Den klassischen Leistungsphasen der Architektur schalten wir damit einen Schritt vor und setzen auf „Leistungsphase 0“.

In Ludwigsburg haben wir so für die AOK Baden-Württemberg eine Produktionshalle in einen Workspace-Prototypen verwandelt. Die Arbeitsflächen, die wir auf dem früheren Getrag-Areal gestaltet haben, ermöglichen Arbeiten, Vernetzung und Rückzug. Die Mitarbeiter wurden von Anfang an in den Prozess einbezogen. Das Projekt ist zwar fertiggestellt, durch seine Prototyping-Strukturen ist aber eine stete Weiterentwicklung möglich.

Insofern sich unsere Bedürfnisse immer schneller wandeln, lässt sich also nur schwer sagen, wie die Arbeitswelten der Zukunft aussehen werden. Sicher ist: Je variabler und flexibler die Grundrisse und Strukturen, desto besser und nachhaltiger wird es uns gelingen, Arbeitswelten mit dem Menschen im Mittelpunkt zu gestalten.“

Jürgen Gaiser ist Innenarchitekt (BDIA) und Partner bei blocher partners