Erika will so gerne malen

In dem EU-Projekt IN SITU werden Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters und in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen für den Arbeitsmarkt oder für die Selbstständigkeit fit gemacht. In der ersten Runde des Trainings- und Mentoringprogramms haben Menschen in sechs europäischen Regionen beeindruckende soziale und nachhaltige Ideen entwickelt.

Autor: Jürgen Brand

Erika lacht gerne und viel. Und die junge Slowenin hat eine große Leidenschaft: die Kunst. Wenn sie immer wieder Museen und Galerien erkundet und die kleinen und großen Gemälde dort bewundert, träumt sie vor allem davon, selbst einmal malen zu können. Sie hat es schon versucht, aber es wollte ihr einfach nicht gelingen. Ihre Hände und die Pinsel passen einfach nicht zueinander. Andere haben zu ihr gesagt: “Du kannst nicht malen, du hast eine Behinderung.” Dann war Erika immer sehr traurig und musste weinen. Eine andere junge Slowenin, Nadja Dodlek, wollte das nicht länger mit anschauen – und machte sich auf die Suche nach einer Lösung. Daraus ist das Projekt TAILOR MADE ART TOOLS entstanden, in dem zum Beispiel maßgefertigte besondere Pinsel für kunstbegeisterte Menschen wie Erika erfunden werden. In dem grenzübergreifenden, im Rahmen des Interreg Central Europe-Programms geförderten EU-Projekts IN SITU konnte Nadja Dodlek ihr Projekt in den vergangenen sechs Monaten weiter entwickeln.

IN SITU steht für “Intergenerational Social Innovation Support Scheme”. Ziel ist, “Menschen mit fehlenden Ressourcen und fehlendem Wissen den Zugang zur Gründung im Bereich der sozialen Innovationen zu ermöglichen”. Zielgruppe sind Jüngere und 50plus-Langzeitarbeitslose, Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund, Arbeitsuchende, aber auch Menschen jeden Alters in beruflichen Umbruchphasen. In dem IN SITU-Projekt arbeiten sechs europäische Partnerregionen eng zusammen: die Region Stuttgart in Deutschland, das Veneto in Italien, Rijeka in Jadranska Hrvatska in Kroatien, Dąbrowa Górnicza in Śląskie in Polen, Maribor in Vzhodna Slovenija in Slowenien und Wien in Österreich. Dort ist auch die Projektleitung angesiedelt.

Judit Makkos-Kaldi ist eine Projektkoordinatorin im Europa-Büro der Bildungsdirektion für Wien. “Wir haben gemeinsam ein Trainings- und Mentoringprogramm ausgearbeitet, das auf bestehenden Erfahrungen beruht und in allen sechs Regionen gut zu verwenden ist, trotz der unterschiedlichen Voraussetzungen in den sechs Ländern”, sagt sie. In jeder der Regionen arbeiten zwei Institutionen eng zusammen, in Stuttgart sind das zum Beispiel das Startup-Center der Hochschule der Medien und die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart. Diese insgesamt zwölf Einrichtungen haben ihr ganzes Know-how zusammengebracht, ein Trainingsprogramm entwickelt und inzwischen die ersten Teilnehmer-Gruppen sechs Monate lang bei der Entwicklung von innovativen und sozialen Geschäftsideen und Initiativen begleitet und unterstützt.

“Hier bekommen die Teilnehmenden nicht nur kostenlose Workshops und Seminare zum Thema Gründung, sondern auch Workshops, die speziell auf die Entwicklung und Verbesserung sogenannter Soft Skills ausgerichtet sind”, heißt es dazu auf der Stuttgarter IN SITU-Website. “Dazu zählen zum Beispiel Konfliktmanagement, Präsentationstechniken und Selbstmarketing. So entsteht ein rundes Angebot, das die Teilnehmenden mit einer Kombination aus unternehmerischen, sozialen und kreativwirtschaftlichen Kompetenzen ausstattet. Der Schwerpunkt liegt hier klar auf dem Bereich soziale Innovation, um gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben und mitzugestalten.”

Swetlana Tschulkow ist eine von rund 20 Teilnehmer:innen in der Stuttgarter Gruppe, die seit Ende Oktober jeden Mittwoch von 16 bis 19 Uhr und manchmal zusätzlich noch donnerstags in mehrstündigen Zoom-Meetings viel über die Entwicklung von Geschäftsideen, über eine geordnete Finanzplanung oder auch über das Netzwerken im realen und virtuellen Leben gelernt hat.

Die Grafikdesignerin, Jahrgang 1990, lebt in Böblingen, war zuletzt als Marketing Managerin tätig und orientiert sich gerade beruflich neu. Auf die Idee zu ihrem Projekt “stueckweise” brachte sie ihr geliebter Hund. Swetlana und ihr Partner benutzten zu Hause schon lange kein herkömmliches Shampoo in Plastikflaschen mehr zum Haare waschen. Sie waren auf Shampoo Bars umgestiegen. In denen sammelten sich allerdings die feinen Haare ihres Hundes, was ausgesprochen unhygienisch war. “Und so fingen mein Partner und ich an zu experimentieren, ob und wie sich dieses Problem für uns lösen lässt.”

Im Rahmen des Programms “Empowered by Entrepreneurship” entwickelte Swetlana Tschulkow die Idee für kleine, feste Shampoo-Tabletten, die zunächst in der Hand aufgeschäumt und dann für die Haarwäsche verwendet werden. Die Prototypen sind schon im Test-Einsatz.

“Gebracht haben mir persönlich der Austausch und die regelmäßigen Mentorings sehr, sehr viel”, sagt sie jetzt am Ende dieses Programmabschnitts. “In dieser Safezone konnte ich sowohl über Hürden weinen, als auch mich über die kleinen Erfolge freuen. Aber auch der Rückhalt und die Gespräche mit den anderen Teilnehmern waren hilfreich, um aus einem Tief zu kommen.”

Auch für Nadja Dodlek in der Region Maribor in Slowenien geht ihr Trainingsprogramm im Rahmen des EU-Projekts gerade zu Ende. Die Kunsttherapeutin mit rund 8000 Stunden Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit psychischen oder physischen Entwicklungsstörungen hat ihre bisherigen Do-it-yourself-Lösungen zum Beispiel für Pinsel, mit denen auch Erika malen kann, in Richtung von Hightech-Lösungen weiterentwickelt. Auch bei ihr ist bereits ein Prototyp in der Testphase, eine Open-Source-Plattform zur Vernetzung von nach Lösungen suchenden und entsprechende Lösungen entwickelnden Menschen ist auch in Planung.

In der polnischen Gruppe entstand unter anderem ein Nachbarschaftsprojekt rund um Nistkästen für Vögel, in Italien entsteht ein Programm für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen, in Kroatien wird die Idee für ein größeres Upcycling-Projekt verwirklicht. Für diese Gruppen ist das Programm zwar jetzt zu Ende, sie können aber weiter auf das entstandene große Netzwerk zurückgreifen und werden von den beteiligten Einrichtungen weiter unterstützt. Schon in wenigen Tagen beginnt für neue Teilnehmer:innen in allen sechs Regionen die zweite Runde des Trainingsprogramms.

Judit Makkos-Kaldi ist in ihrer Halbzeit-Bilanz zufrieden. “In den Regionen wurden viele Initiativen ausgearbeitet, einige davon werden hoffentlich auch zur Marktreife kommen”, sagt die Wiener Projektleiterin. Und das trotz der COVID-19-Pandemie, durch die alles anders als geplant wurde. “Alle unsere Pläne wurden durch diese Situation umgeschrieben. Wir mussten unser ganzes Programm in kürzester Zeit auf Online umstellen, was die Kommunikation mit der Zielgruppe schwierig gemacht hat.”
Das EU-Programm Interreg Central Europe hat das IN-SITU-Programm mit gut 2,4 Millionen Euro gefördert. Es läuft noch bis Februar 2022, dann endet die Finanzierung. “Aber die Kooperation wird aufrechterhalten”, sagt Judit Makkos-Kaldi. “Wir haben mittlerweile eine Absichtserklärung unterschrieben, dass die verschiedenen Institutionen ihre Expertisen weiterhin vor allem im Online-Format anbieten werden. Wir haben eine IN SITU-Plattform, auf der alles auch noch in Jahren nachzuschlagen sein wird. Sie wird auch regelmäßig mit regionalen Trainingsmaterialien upgedatet.” Auch das im Rahmen des Programms entstandene Netzwerk soll weiter genutzt werden. Und vielleicht ergibt sich dann auch erneut die Möglichkeit, das Entstandene im Rahmen eines neuen EU-Projekts weiter auszubauen.

Quellen:
Titelbild: Nadja Dodlek, Kunsttherapeutin und Teilnehmerin
Judit Makkos-Kaldi, Projektkoordinatorin, Europa Büro, Bildungsdirektion für Wien
Swetlana Tschulkow, Marketing Managerin und Teilnehmerin

Vorträge und Beiträge bei der digitalen “In Situ Game Changer Fair – zentraleuropäische Messe zum Thema Social Entrepreneurship” am 13. und 14. April 2021 https://insitu.startupcenter-stuttgart.de

Der Autor Jürgen Brand hat das Programm in der ersten Runde begleitet. Wer eines der erwähnten Projekte unterstützen will, kann gerne mit ihm Kontakt aufnehmen, er vermittelt dann weiter (www.juergenbrand.de).