„Ich sehe mich als Teamkämpferin, nicht als Einzelkämpferin“
Inmitten von Weinstadt-Endersbach befindet sich ein rotes Bauernhaus, das nicht nur durch seine Farbe, sondern durch seine Funktion auffällt. Abseits der großen Medienhäuser Deutschlands beherbergt es den Hauptsitz des Journalistenkollektivs „Zeitenspiegel Reportagen“ sowie die Stern-Korrespondenz von Baden-Württemberg.
Mit seiner in Deutschland bislang einzigartigen Struktur entstand das Kollektiv bereits vor vierzig Jahren aus einer Idee, die zunächst wie ein Traum klang. Mitgründer Uli Reinhardt arbeitete damals als Fotograf bei einer Lokalzeitung undals freier Journalist für internationale Reportagen. Gemeinsam mit seiner Kollegin Ingrid Eißele reifte damals der Wunsch, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. „Das Ganze ist eigentlich aus einem großen Traum heraus entstanden“, erklärt Rike Uhlenkamp. Sie bildet gemeinsam mit Jan Rübel das aktuelle Geschäftsleitungsteam. Beide empfangen uns für das Gespräch in ihrer Zentrale.
Aus den Anfängen heraus wuchs das Kollektiv schnell zu einer fest etablierten Struktur. Grundlage ist ein Prinzip, das Zeitenspiegel von Beginn an prägt: Gemeinschaft und Solidarität statt Konkurrenz und Alleinkampf. Gemeinschaftliches Arbeiten wird hier konsequent gelebt: So fließen alle Einnahmen in einen gemeinsamen Topf. Die individuelle Auszahlung erfolgt unter Berücksichtigung der jeweiligen Lebenssituation – ein Modell, das voraussetzt, „ehrlich mit sich und den anderen im Kollektiv zu sein.“ sagt Rike. Zusammenhalt und Vertrauen sind damit das Fundament des Kollektivs. Eine weitere Besonderheit in ihrer Arbeit liegt in der Kompetenzbündelung: „Wir haben gemerkt, dass es kreativer und befreiender ist, wenn vier Augen unterwegs sind“, betont Jan. Da Journalist*innen, Fotograf*innen und die Videoproduktion unter einem Dach sitzen, können sie Kund*innen komplette Formate aus einer Hand anbieten. Das Kollektiv bietet zudem Sicherheit und Unabhängigkeit in herausforderten Zeiten für Journalist*innen. Anders als Festangestellte können sie mit dem Kollektiv im Rücken auch bei Wunschthemen mehrere potenzielle Auftraggeber ansprechen, bis sie einen Abnehmer finden. Gleichzeitig nimmt das Kollektiv den finanziellen Druck in Zeiten mit weniger Aufträgen. „Wir sind eine Gemeinschaft und wir unterstützen uns in jeglicher Hinsicht.“
Zentral ist auch der gemeinsame thematische Anspruch: „Wir wollen soziale Themen stärker in den Fokus rücken, sozialkritische Reportagen erzählen und über den Tellerrand hinausschauen“. Der inhaltliche Kern liegt in der Auseinandersetzung mit sozialen Fragen, Konflikten und der Arbeit von Hilfsorganisationen. Gleichzeitig kann jedes Kollektivmitglied eigene Schwerpunkte setzten. Ziel sei es, einen lösungsorientierten und konstruktiven Journalismus zu fördern.
„Zeitenspiegel ist komplett verankert hier in der Region“, antwortet Jan auf unsere Frage nach der Bedeutung der Region Stuttgart für das Kollektiv. Geschätzt werde vor allem die Mischung aus Wissenschaft, vielfältiger Kultur und Wirtschaft, die die Region Stuttgart alles andere als provinziell erscheinen lässt. Besonders wertvoll sei das direkt verfügbare Netzwerk vor Ort. Gleichzeitig spiele aber auch die digitale Vernetzung mit Kolleg*innen weltweit eine wichtige Rolle für die Arbeit bei Zeitenspiegel.
Trotz des Wandels und der Disruption im Journalismus, ist das Kollektiv davon überzeugt, dass kritische, unabhängige Berichterstattung unverzichtbar ist. „Was macht es mit einer demokratisch verfassten Gesellschaft, wenn der Journalismus geschwächt wird?“ Diese Frage treibt sie an. Alleine wären die Herausforderungen kaum zu bewältigen, doch als Kollektiv kann gemeinsam den Widerständen begegnet werden.
